Reisen mit den Großeltern gelten als neuer Trend: "Skip-Gen-Travel". Für unsere Autorin und ihre Oma nichts Neues. Sie fahren schon immer zusammen in den Urlaub.
Mit 18 war ich zum ersten Mal bewusst mit meiner Oma im Urlaub. Wir fuhren nach London – eine Reise, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Natürlich freute ich mich über den Big Ben, die Tower Bridge und die Kronjuwelen der Queen, aber mein eigentliches Ziel war ein anderes: "Victoria's Secret".
Die erste europäische Filiale der gehypten Dessous-Brand hatte damals in London eröffnet – und ich wollte unbedingt hin. Meine Oma hatte zuvor noch nie davon gehört. Besonders begeistert von den sexy Teilen für ihre Teenie-Enkelin war sie auch nicht. Trotzdem stand sie geduldig drei Stunden mit mir in der Schlange. Danach freute sie sich mit mir über die Ausbeute.
Als wir beide glücklich bei Tea Time in ihrem Lieblingscafé saßen, merkte ich, wie besonders es war, als zumindest auf dem Papier Erwachsene, solche Momente mit meiner Omi teilen zu dürfen. Viele meiner Freund:innen hatten keine Großeltern mehr – oder sie waren bereits zu alt, um mit ihnen zu verreisen.
Erst als Erwachsene hat es Klick gemacht
Dabei hatte unsere gemeinsame Reisegeschichte viel früher begonnen. Das erste Mal mitgenommen hat mich Oma, da war ich noch ein Kleinkind. Zehn Tage Fuerteventura. Angeblich habe ich jeden Abend geweint – so groß war das Heimweh. Sie war damals 44, jung genug, um als meine Mutter durchzugehen. Ich war drei. Es folgten weitere Reisen, an die ich mich heute kaum erinnere. Erst viele Jahre später begann ich wirklich zu begreifen, wie besonders diese gemeinsamen Urlaube sind.
Heute bin ich 30 und meine Oma weit über 70 – und wir haben es nie mehr genossen, zusammen zu verreisen. Dass ich damit offenbar Teil einer Bewegung bin, wurde mir erst vor kurzem bewusst. In einem Reisemagazin las ich die Überschrift: "Skip-Gen-Travel ist der neue Reisetrend." Gemeint ist das bewusste Überspringen einer Generation: Statt mit den Eltern verreist man mit den Großeltern.
Dort heißt es: "Diese Reisen ermöglichen eine intensive Bindungszeit zwischen zwei Generationen, die im Alltag oft nicht genug Zeit miteinander verbringen. Abseits von Verpflichtungen und Ablenkungen entsteht Raum für gemeinsame Erlebnisse – und dafür, voneinander zu lernen."
Ich kann das nur unterschreiben. Pluspunkt: Anders als mit meinen Eltern, bin ich mit Oma mehr auf Augenhöhe. Es gibt nicht dieses klassische Eltern-Kind-Gefälle, das dazu führt in alte Kindheitsmuster zu verfallen.
Entschleunigung tut gut
Mit meiner Oma zu verreisen ist wunderbar entspannt. Wir brauchen beide nicht viel: ein paar gute Bücher – irgendwas zwischen drei und zehn – und ein wenig Sonnenschein. Kein durchgetaktetes Programm, keine Partys, kein Druck, möglichst viel sehen zu müssen. Beim Essen quatschen wir viel, manchmal planen wir direkt unsere nächste Reise.
Obwohl sich das alles sehr harmonisch anhört, liegen wir uns natürlich auch mal in den Haaren oder sind genervt voneinander. Wir gehen uns dann meist für einen halben Tag aus dem Weg – und gut ist. Nur weil man gemeinsam verreist, muss man nicht rund um die Uhr aufeinander hocken. Ich besuche gelegentlich eine Ausstellung oder buche einen Sportkurs, während sie sich weiter in ihre Lektüre vertieft oder einen Spaziergang macht. Diese Freiheit tut uns beiden gut.
Wien ist unsere Lieblingsstadt
Wir waren nicht nur zusammen in London, sondern auch in Paris, viele Jahre hintereinander an der Nordsee und mehrmals auf den Kanarischen Inseln. Früher war meine Oma noch deutlich agiler zu Fuß unterwegs. Ich erinnere mich gut daran, wie wir in Paris fast 20.000 Schritte am Tag gesammelt haben. Das Selfie, das ich auf den Treppen von Sacré-Cœur von uns gemacht habe, steht heute gerahmt in ihrem Wohnzimmer.
Mit den Jahren sind unsere Reisen ruhiger geworden. Wir passen sie an – an ihre Bedürfnisse und an meine. Rücksichtnahme ist dabei das Wichtigste. Eine Zeit lang fiel mir das nicht immer leicht, weil ich die Jugendlichkeit meiner Oma als selbstverständlich betrachtet habe. Heute weiß ich: Es ist ein riesiges Privileg, als Erwachsene noch so viel Zeit mit einem Großelternteil verbringen zu dürfen. Ich wohne knapp 500 Kilometer von ihr entfernt und sehe sie im Alltag selten. Umso mehr genieße ich unsere geballte Oma-Enkelinnen-Zeit.
Oma und ich sind Wiederholungstäterinnen. Dieses Jahr fahren wir zum vierten Mal nach Wien. Wenn es uns irgendwo gefällt, kommen wir gerne zurück. Ich freue mich jetzt schon darauf, unser Lieblingscafé zu besuchen, durch die Altstadt zu schlendern und mich in unserer Unterkunft wie zu Hause zu fühlen.
Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich meine Reiselust von ihr geerbt habe. Und ich bin dankbar, sie mit genau dem Menschen teilen zu dürfen, der sie wohl am besten versteht.
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